Arbeitskräfte sind Bulgariens größter Vorteil

Interview mit Dr. Till Truckenmüller in der Zeitung "Wirtschaftsblatt und Südosteuropäischer Report"

"Quelle: Bulgarisches Wirtschaftsblatt und Südosteuropäischer Report, Februar 2013, S. 27"

Arbeitskräfte sind Bulgariens größter Vorteil

 

Dr.Till W.Truckenmüller, Präsident des Automotive Clusters Bulgaria (ACB) und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft IMACOS Group, gegenüber dem WB

 

Mitte vorigen Jahres haben Sie in Bulgarien einen Automobil-Cluster gegründet. Welche Ziele hat sich die Organisation gesetzt?

Natürlich wollen wir auch, so wie jedes Cluster, durch Projekte eine Verbesserung der Situation für die einzelnen Mitglieder erreichen. Das sind klassische Perspectives-Vergleiche oder Ähnliches. Diese Vergleiche werden aber sehr stark an bulgarischen Belangen ausgerichtet sein - wie finde ich das richtige Personal usw. Wir werden uns dazu auch im Ausbildungsbereich massiv engagieren, bzw. wir werden unseren Mitgliedern die Plattform bieten, diese Sachen konkret aufzusetzen. Ein Beispiel: Es gibt in Ungarn ein EU-gefördertes großes Projekt zum Aufbau des Dualausbildungssystems. Wir werden versuchen, wiederum unter Förderung der EU, aus solchen Projektansätzen entsprechende Rollouts für Bulgarien zu entwickeln. 

 

Welche Vorteile weist Bulgarien im Vergleich zu den anderen Staaten im Bereich der Automobilindustrie auf?

Der größte Vorteil sind die wirklich sehr gut qualifizierten Akademiker, viele mehrsprachig und mit internationaler Erfahrung. Das ist eine Ressource, die viele internationale Unternehmen bewegt hierher zu gehen. Sie haben große Schwierigkeiten in Stuttgart oder wo auch immer entsprechend qualifizierte Leute zu einem akzeptablen Preis zu finden. Hier ist das noch kein Problem, weil das Land noch nicht von allen entdeckt wurde. Wenn das größere Wellen schlägt, wird es wirklich schwierig.


Dann habt ihr hier ein ganz großes Outsourcing-Zentrum mit vielen Tausend Leuten. Johnson Controls, z. B., hat hier 600 Entwickler sitzen. Das sind Dinge, die in anderen osteuropäischen Ländern sehr viel schwerer gehen. Es gibt zwar in Tschechien oder in Rumänien durch die entsprechenden Sprachzonen mehr deutschsprachige Leute aber nicht im akademischen Bereich. Es gibt kein anderes Land in Osteuropa, wo es so viele deutschsprachige Akademiker gibt. Wenn man die Studentenzahlen anguckt und wenn man die ungefähr eine Million bulgarischen Akademiker im Ausland mitbetrachtet, wenn man denen entsprechende Perspektiven bieten kann, dann gibt es für das Land noch völlig ungeahnte Chancen. Man muss natürlich die entsprechend qualifizierten Arbeitsplätze hier anbieten und auch das Umfeld, sonst funktioniert das nicht. Diese High-Potentials arbeiten überall auf der Welt.


Natürlich gibt es auch Nachteile, aber relativ ähnliche wie in den meisten anderen osteuropäischen Ländern. Die extrem schwerfälligen Administrationen z. B., das ist in Bulgarien auch so, aber ich habe Hoffnung, dass wir uns durch Maßnahmen der Investment Agency zumindest in die richtige Richtung bewegen.

 

Können Investitionen in die Autoindustrie die bulgarische Wirtschaft 2013 beleben?

In diesem Jahr werden hier einige Investitionen aus dem Zuliefererbereich stattfinden. Von solchen, die neu hierher kommen und von denen, die bereits hier sind. Yazaki hat gerade ein neues Werk mit aufgebaut. Wir verhandeln gerade mit zwei Unternehmen, die neu hierher kommen wollen. Ein kleineres Unternehmen, das ca. 100 Arbeitsplätze schaffen wird, das andere wird bis zu 1000 aufbauen. Sie haben alle sehr arbeitsintensive Themen, aber auch immer mit Entwicklung. Der andere Schwerpunkt liegt im Elektronikbereich. Da haben wir auch im Moment zwei Anfragen von großen Unternehmen. Eines davon ist BHTC, sie haben sich schon für Bulgarien entschieden, es geht nur noch um den Standort. Auch diese Fabrik wird in ein paar Jahren mindestens 1000 Leute beschäftigen.

Wenn es uns gelingt, einen der Hersteller, die gerade nach neuen Standorten suchen, zu verpflichten, dann sprechen wir natürlich über viele Tausend Arbeitsplätze. Dieses Jahr wird das sicherlich nicht umgesetzt, die Automobilindustrie denkt in ganz anderen Zeithorizonten. Aber wir sind schon erstaunt über die neusten Investments von z. B. Build Your Dreams, die hier Elektrobusse bauen wollen. Auch die Great Wall Leute werden sicherlich weiter machen. Die großen Europäer, wie die PSA Gruppe, oder andere Asiaten, wie Hyundai denken sehr ernsthaft über neue Engagements nach. Nicht unbedingt in den klassischen großen Serien, da sind die in Osteuropa schon ganz gut aufgestellt. Die Automobilindustrie bietet immer mehr einzelne Segmente an, gerade im SUV-Bereich oder im Pick-up-Bereich. Es gibt keinen der großen Hersteller, die nicht über neue Themen nachdenken. Diese Industrie ist sehr dynamisch.

 

Wie läuft die Werbung?

Wir haben allein 2012 ungefähr 50 Marketing-Maßnahmen umgesetzt. Das sind Veranstaltungen, die zusammen mit irgendeinem Regierungsvertreter durchgeführt wurden. Wir haben auch auf fünf oder sechs großen Konferenzen in Deutschland Vorträge gehalten. Das für dieses Jahr sicherlich wichtigste Marketing-Event ist eine internationale Automobilkonferenz, hier in Sofia am 7. und 8. Mai. Wir hoffen auf ungefähr 300 Teilnehmer, davon bis zu 100 aus Westeuropa.

Bisher haben wir Zusagen von Volkswagen, PSA Gruppe, Hyundai und von Great Wall und natürlich von allen, die im Cluster Mitglied sind. Es wird mit Sicherheit das erste Event in der Größenordnung in Bulgarien sein, wo sie mit zehn Zulieferern, die hier tätig sind, live diskutieren können. Wenn jemand sich für Bulgarien interessiert wird er an dieser Konferenz schwer vorbeikommen. Es könnte aber auch interessant sein für Leute, die nicht nach München oder Hamburg zu einer Konferenz fliegen wollen, sondern halt mal nach Sofia.



Inwieweit werden Ihre Ideen von der Staatspolitik unterstützt?

Wir werden insbesondere medial unterstützt, das ist schon mal sehr viel. Wir werden auch bei den konkreten Aktivitäten, angefangen bei Institutionen wie der Investitionsagentur, sehr priorisiert unterstützt. Es ist für uns kein Problem diese Personen, auch den Wirtschaftsminister, durch Anruf zu einem Gespräch zu bringen, um einem der möglichen Investoren Rede und Antwort zu stehen. Wir werden auch vom Staatspräsidenten sehr stark mit vielen Sachen unterstützt. Natürlich im Wesentlichen medial. Es gibt eine EU-Förderung für Cluster, wir sind in der Antragsphase, auch dort wird es ohne Unterstützung der Politik nicht abgehen, diese Prozesse sind alle nicht ganz einfach. Wir haben überall die Zusage, dass das unterstützt wird und von daher gehen wir davon aus, dass das gelingen wird. Eine andere sehr starke Unterstützung ist bei dem Projekt AutoPark Bulgaria, da haben wir den richtigen Zeitgeist getroffen.

Wir wollen uns die großen Projekte, die auf Basis der Donaustrategie entwickelt werden, zunutze machen. Speziell Projekte, die in Vidin oder ansonsten entlang der Donau entstehen. Ein konkretes Projekt heißt Paneuropean Auto-Recycling Center, das haben wir ein bisschen zurückgestellt, weil Recycling auch hochpolitisch ist. Wir werden dieses Projekt aber vorantreiben, im Wesentlichen gestützt durch die sicherlich in ein paar Jahren vorliegenden Festschreibungen durch die EU – wie denn Autos zu recyceln sind. Spätestens, wenn es von dort verbindliche Vorgaben gibt, wird es ein großes Geschäft und dann hat ein Standort entlang der Donau unschätzbare Vorteile. Die Autos können in ganz Europa auf dem Wasserweg eingesammelt und dann in Vidin oder Russe entsprechend recycled werden. Das sind die Visionen. Im kurzfristigen Bereich verhandeln wir mit Unternehmen, die hier einen neuen Standort aufbauen oder mit denen, die da sind und sich vergrößern wollen.



Hat Bulgarien Zukunft im Bereich der Innovationen?

Ich glaube ja. Bulgarien ist ein IT- und Elektronik-Standort. Wir haben in wenig osteuropäischen Ländern so viel qualifiziertes Personal wie in diesem Bereich. Wenn die entsprechenden Aktiven in den einzelnen Bereichen das weiter nach vorne treiben und wenn man sich insbesondere auch Partner für diese Projekte sucht, dann werden die in entsprechenden hohen Volumen vorhandenen Fördergelder aus der EU auch umgesetzt werden können. Das ist ein wichtiger Punkt. In der Vergangenheit sind sehr viele Fördermittel nicht abgerufen worden. Weniger, weil man keine Idee hatte, sondern eher, weil EU-Projekte nur in der Kooperation innerhalb der EU funktionieren. Kein EU-Projekt wird letztendlich erfolgreich sein, wenn ein Staat etwas alleine macht, das wurde noch nicht ausreichend erkannt. Deswegen werden wir versuchen auch bei dem Autopark-Projekt, z. B. Baden-Württemberg oder Bayern oder auch beide als Projekt-Partner zu gewinnen. Und wenn es nur dazu dient, gegenüber der EU darzustellen, dass es ein hoch innovatives von mehreren Ländern getragenes Thema ist. Also nicht irgendeine fixe Idee von einem Land und schon gar nicht von einem einzelnen Industrieunternehmen. Innovation wird nur stattfinden, wenn es in die Breite geht. Solange ich mich nur auf einzelne große Player konzentriere, wird es hier vielleicht ein attraktiver Standort sein, aber die Innovation oder die Entwicklung, die wird natürlich durch die vielen kleinen Unternehmen, durch Start-ups und Ähnliches, entstehen. Das ist ein Prozess, der langwierig und nicht einfach ist, weil dazu einfach auch Geld in die Hand genommen werden muss.



Herr Dr.Truckenmüller wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

 


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